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Das Jaczo-Denkmal in Spandau

Zwischen Krone und Kriminalität: Warum Köpenick den falschen Helden feiert

Am Schildhorn in Spandau steht ein Denkmal, das kaum jemand beachtet. Doch dahinter verbirgt sich die dramatische Geschichte des Slawenfürsten Jaczo von Köpenick – ein Machtkampf mit Albrecht dem Bären, eine berühmte Sage und ein fast vergessener Gründer der Berliner Geschichte.

Das Jaczo-Denkmal in Spandau
Das Jaczo-Denkmal in Spandau

Ein milder Frühlingstag an der Havel. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, erste Ausflügler spazieren über die Waldwege im Grunewald, Fahrräder rollen am Ufer entlang. Wer an der Landzunge Schildhorn in Spandau stehen bleibt, entdeckt dort ein merkwürdiges Denkmal: eine schlanke neugotische Säule mit Kreuz – einsam zwischen Bäumen und Wasser. Die meisten Berliner gehen achtlos daran vorbei.

Dabei erinnert dieses Monument an eine Figur, die eigentlich zu den wichtigsten Gestalten der frühen Berliner Geschichte gehört: Jaczo von Copnic, auch Jaxa von Köpenick genannt – ein slawischer Fürst des 12. Jahrhunderts. Ein Mann, der mit Albrecht dem Bären um die Vorherrschaft im Land an Havel und Spree kämpfte. Und doch: Während in Köpenick fast jede Ecke an den Hauptmann von Köpenick erinnert, ist der historische Fürst heute beinahe eine Unperson. Sein Name taucht selten auf. Seine Geschichte kennt kaum jemand. Dabei beginnt sie mit einer der dramatischsten Legenden Brandenburgs.

Die Sage vom Schildhorn

Die Szene wirkt wie aus einem Historienfilm. Das Jahr ist 1157. Der slawische Fürst Jaczo von Copnic ist auf der Flucht. Hinter ihm jagen die Reiter Albrechts des Bären, der gerade dabei ist, seine Herrschaft über Brandenburg auszubauen. Vor Jaczo breitet sich die Havel aus. In der Legende treibt ihn die Verzweiflung ins Wasser. Mit seinem Pferd springt er in den Fluss und versucht, ans andere Ufer zu gelangen. Doch die Kräfte schwinden. Das Tier droht unterzugehen. In seiner Not ruft der Fürst – so erzählt es später die Sage – nicht mehr seine alten slawischen Götter an, sondern den Christengott.

Und plötzlich geschieht das Wunder. Jaczo erreicht das Ufer. Gerettet, erschöpft, dankbar. Aus Dank hängt er seinen Schild und sein Horn an eine Eiche. Seitdem soll diese Landzunge Schildhorn heißen. Die Geschichte verbreitete sich im 19. Jahrhundert weit über Brandenburg hinaus. Gedichte, Gemälde und schließlich das Denkmal am Havelufer machten sie zu einem festen Bestandteil der märkischen Erinnerungskultur. Doch die Wirklichkeit des 12. Jahrhunderts sah ganz anders aus.

Das Schild in der Mitte des Denkmals
Das Schild in der Mitte des Denkmals

Der echte Jaczo: Fürst, Politiker, Machtspieler

Hinter der Legende steht eine historisch belegte Figur. Jaczo von Copnic war im 12. Jahrhundert Burgherr von Köpenick – damals ein slawischer Machtstützpunkt am strategischen Zusammenfluss von Spree und Dahme. Seine Existenz ist nicht nur aus Chroniken bekannt, sondern auch aus Münzen, die seinen Namen tragen: IACZA DE COPNIC. Diese sogenannten Brakteaten sind die sichersten Zeugnisse seiner Herrschaft. Sie zeigen einen bärtigen Fürsten mit slawischer Haartracht, manchmal mit Palmzweig oder Kreuz – ein klares Zeichen, dass Jaczo längst Christ war. Politisch bewegte sich der Fürst in einem komplexen Machtgefüge. Nach dem Tod des Hevellerfürsten Pribislaw im Jahr 1150 hoffte Jaczo, die Burg Brandenburg zu übernehmen.

Doch die Witwe übergab sie dem Askanier Albrecht dem Bären. Jaczo gab nicht auf. Im Frühjahr 1157 gelang es ihm, mit Unterstützung polnischer Verbündeter die Burg Brandenburg einzunehmen. Doch Albrecht der Bär kehrte zurück. Nach einer langen Belagerung mussten Jaczos Anhänger schließlich kapitulieren und zogen sich nach Köpenick zurück. Dieses Ereignis gilt als entscheidender Moment der Gründung der Mark Brandenburg. Jaczo verschwand jedoch keineswegs aus der Geschichte. In Köpenick regierte er noch fast zwei Jahrzehnte weiter und baute dort seinen Herrschaftsbereich aus.

Hinweisschilder zum Denkmal in Spandau
Hinweisschilder zum Denkmal in Spandau

Mythos gegen Geschichte

Die berühmte Schildhornsage wirkt deshalb wie eine historische Szene – ist aber in Wahrheit ein Produkt späterer Zeiten. Historische Quellen berichten nicht von einer dramatischen Flucht durch die Havel. Sie sprechen vielmehr von einer regulären Belagerung und einer Kapitulation der Burg Brandenburg mit freiem Abzug der Verteidiger. Auch die angebliche Bekehrung Jaczos zum Christentum ist ein literarisches Motiv. Seine Münzen zeigen eindeutig christliche Symbole – er war also längst getauft.

Und selbst der Name Schildhorn hat mit der Sage nichts zu tun: Der Flurname ist bereits Jahrhunderte vor der Legende belegt und bezeichnet schlicht eine Landzunge an der Havel. Die berühmte Geschichte entstand erst im 19. Jahrhundert – in einer Zeit, in der Preußen nach heroischen Gründungsmythen suchte. Der dramatische Sprung in die Havel war dafür perfekt geeignet.

Das Köpenick-Paradoxon

Und damit kommen wir nach Köpenick. Dort steht heute eine Statue des Hauptmanns von Köpenick, Wilhelm Voigt. Es gibt eine Dauerausstellung, Souvenirs, Stadtführungen, Theaterstücke. Der charmante Hochstapler, der 1906 mit einer gestohlenen Uniform das Rathaus besetzte, gehört fest zur Berliner Folklore. Jaczo dagegen? Kaum eine Straße erinnert an ihn. Keine große Skulptur, kein prominenter Platz. Seine Geschichte taucht meist nur in Museen oder wissenschaftlichen Vorträgen auf. Das ist das eigentliche Paradox.

Wir feiern in Köpenick den listigen Betrüger – aber kaum den Fürsten, der im 12. Jahrhundert die politische Landschaft an Spree und Dahme prägte. Dabei wäre Jaczo eine faszinierende Figur für die Stadtgeschichte: ein slawischer Herrscher, vernetzt mit Polen und Pommern, Teil eines komplexen Machtspiels zwischen Kulturen, Religionen und politischen Interessen. Vielleicht ist genau das der Grund für sein Vergessen.

Lilo von Köpenick beim Jaczo-Denkmal (im Hintergrund oben)
Lilo von Köpenick beim Jaczo-Denkmal (im Hintergrund oben)

Der Hauptmann von Köpenick ist eine einfache Geschichte – eine Anekdote über Berliner Witz und Obrigkeit. Jaczo von Copnic dagegen führt tief hinein in die frühe Geschichte der Region: Machtkämpfe zwischen Slawen, Polen und Askaniern, Mythenbildung im 19. Jahrhundert und die Frage, wie Erinnerung entsteht. Wer genauer hinsieht, entdeckt hinter dem Denkmal am Schildhorn eine faszinierende Figur der Berliner Frühzeit. Vielleicht lohnt es sich also, beim nächsten Spaziergang an der Havel kurz stehen zu bleiben – und sich zu fragen, wer dieser fast vergessene Fürst wirklich war.