In Erkner las Marc Lippuner aus seiner Anthologie „Eldorado Berlin. Exkursionen zum anderen Ufer“ – und machte daraus weit mehr als eine Buchvorstellung. Vor kleinem, aber aufmerksamem Publikum führte er durch rund 150 Jahre queere Berliner Geschichte: von §175 über Magnus Hirschfeld und die Weimarer Clubszene bis zu Ost- und West-Berliner Aufbrüchen. Der Abend im Gerhart-Hauptmann-Museum wurde zu einer historischen Stadterkundung, bei der ein alter Leuchtsatz immer wieder mitschwang: „Hier ist es richtig.“

Ein Schild wie ein Versprechen
Über der Tür des legendären Berliner Lokals Eldorado stand ein Satz, der schlicht klang und doch ein ganzes Lebensgefühl zusammenfasste: „Hier ist es richtig.“ Marc Lippuner zeigte dieses Motiv bei seiner Lesung in Erkner nicht als bloße nostalgische Reklame, sondern als Schlüssel zu einer Stadtgeschichte, in der Sichtbarkeit, Versteck, Sehnsucht und Gefahr eng beieinanderlagen. In der Motzstraße, erzählte er, sei das Eldorado ein Ort gewesen, an dem „alle“ verkehrten – Magnus Hirschfeld, Klaus Mann, Marlene Dietrich, Weltstars, Touristen, Neugierige und jene, für die solche Orte Schutzräume waren.
Der Abend fand in der Geschäftsstelle des Gerhart-Hauptmann-Museums in der Friedrichstraße in Erkner statt. Das Publikum war klein, aber sichtbar interessiert: geschichtsaffine Bürgerinnen und Bürger, die den Faden nicht nur aufnahmen, sondern ihn in der anschließenden Fragerunde weiterzogen. Lippuner selbst trat unprätentiös auf: kenntnisreich, zugänglich, mit der Fähigkeit, juristische, literarische und kulturgeschichtliche Linien so zu verbinden, dass daraus keine Vorlesung, sondern eine erzählte Zeitreise wurde.
Eine Anthologie als Stadtplan
Lippuner, Germanist, Historiker, Kulturmanager, seit 2017 Leiter des Kulturzentrums WABE in Prenzlauer Berg und seit 2021 Mitgesellschafter des Querverlags, stellte in Erkner die von ihm herausgegebene Anthologie „Eldorado Berlin. Exkursionen zum anderen Ufer“ vor. Er verortete den Band in der Reihe „Berlin im Querschnitt“ des Siebenhaar Verlags. Seine Auswahl folgte dabei einem klaren Prinzip: Nicht jeder Text eines Autors mit Berlin-Bezug genügte. Berlin musste in den Texten atmosphärisch vorkommen. Moderne historische Romane und retrospektive Sachbücher ließ er bewusst außen vor.
Diese Entscheidung gibt dem Band sein Profil. Er ist keine geschlossene Chronik, sondern eine Folge literarisch-publizistischer Stationen: Romane, Zeitschriftenbeiträge, Ratgebertexte, Bilddokumente. Lippuner beschrieb die Arbeit daran als Auswahl unter Fülle: 240 Seiten umfasst das Buch, mehr wäre möglich gewesen. Doch gerade die Begrenzung zwingt zur Dramaturgie.
Der lange Schatten des §175
Als historischen Rahmen wählte Lippuner den Paragrafen 175, der 1871 eingeführt wurde und sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte. Er blieb bis 1994 ein rechtlicher Bezugspunkt von Verfolgung, Stigmatisierung und gesellschaftlicher Ächtung. Zugleich erinnerte Lippuner daran, dass auch die Begriffe „Homosexualität“ und „Heterosexualität“ erst in den 1860er Jahren geprägt wurden. Was heute selbstverständlich wirkt, ist historisch also vergleichsweise jung.
Besonders eindrucksvoll war der Rückgriff auf Adolf Wilbrandts Roman „Fridolins heimliche Ehe“ von 1875. Lippuner las eine Passage, in der Geschlecht und Begehren nicht als starre Gegensätze, sondern als Spektrum beschrieben werden. Der Vortragende deutete diesen Text als erstaunlich modern: Wilbrandt stelle das binäre Modell nicht grundsätzlich infrage, lasse aber erkennen, dass in jedem Menschen „ein bisschen was von allem“ stecken könne. Daraus zog Lippuner eine Linie zu Magnus Hirschfelds späteren Konzepten der „sexuellen Zwischenstufen“.
Ein Satz aus Wilbrandts Gedankenwelt blieb dabei besonders haften: „Vom männlichsten Mann bis zum weiblichsten Weib [fehlt] keine Schattierung, keine Möglichkeit.“ Für einen Text aus dem Kaiserreich ist das mehr als eine literarische Kuriosität. Es ist ein früher Hinweis darauf, dass die Gegenwart mit ihren Debatten über Identität nicht im luftleeren Raum steht.
Berlin als Eldorado – und als Risiko
Der Titel „Eldorado“ ist bei Lippuner kein Zufall. Er nannte ihn das „Zauberwort schlechthin“. In Berlin trugen mehrere Lokale diesen Namen – unter anderem in der Kantstraße, später in der Lutherstraße und der Motzstraße. Nach 1945 wurde daran angeknüpft, 1984 griff eine Ausstellung im Berlin Museum den Namen auf, 1985 bis 1991 spielte die erste schwul-lesbische Radiosendung Berlins mit dem Titel „Eldoradio“.

Doch die Berliner Freiheit war nie ungebrochen. Lippuner zeigte, wie Sichtbarkeit und Gefährdung einander begleiteten. Die Weimarer Republik brachte Clubs, Zeitschriften, Lieder und Filme hervor – aber auch Schaulust, Denunziation, soziale Risiken. Das Schöneberger Lokal „Anderes Ufer“, Anfang der 1970er Jahre eröffnet, markierte deshalb einen Einschnitt: keine Türklingel, keine verhängten Scheiben, sondern offene Fenster. Sichtbarkeit wurde hier selbst zur Aussage.
Filme, Lieder, Lokale
Die Weimarer Jahre erschienen in Lippuners Vortrag nicht als glatte Befreiungsgeschichte. Er sprach über den Film „Anders als die Anderen“ von 1919/1920, über Magnus Hirschfelds Plädoyer zur Entkriminalisierung und über das „Lila Lied“ mit der Zeile: „Wir sind nun einmal anders als die anderen.“ Zugleich führte er in literarische Milieus, in denen Clubszene, Prostitution und soziale Not eng verbunden waren: Kaiserpassage, Friedrichstraße, Tauentzien, Zoo.
Zu den stärksten Momenten gehörten die literarischen Kontraste. Aus Ernst Haffners „Blutsbrüder“ wurde ein nächtliches Berlin sichtbar, in dem Jugendliche, Armut, Begehren und Ausbeutung in gefährliche Nähe rücken. Erich Kästners „Ragout fin de siècle“ wiederum brachte Spott und Schärfe in die Darstellung der Berliner Szene. Dessen Zeile „Bloß weil ihr hintenrum verkehrt, seid ihr noch nicht Genies“ zeigt: Auch der literarische Blick war nicht automatisch solidarisch.
Lesbische Öffentlichkeit und Schutzräume
Lippuner widmete sich auch der lesbischen Öffentlichkeit der 1920er Jahre. Die Zeitschrift „Die Freundin“, erstmals 1924 erschienen und am 9. März 1933 eingestellt, wurde als wichtiges Medium sichtbar. Sie war Treffpunkt, Informationsquelle, Projektionsfläche – und zugleich ständig bedroht durch Zensur, finanzielle Probleme und Kampagnen gegen angeblichen „Schmutz und Schund“.
Besonders aufschlussreich war ein Text aus der Zeitschrift, der vor Lokalen warnte, in denen queere Menschen zum Schauobjekt eines neugierigen Publikums wurden. Die Sorge war konkret: Wer dort gesehen wurde, konnte beruflich oder gesellschaftlich Schaden nehmen. Lippuner machte damit deutlich, dass auch dort, wo der Strafparagraf vor allem Männer traf, Frauen keineswegs frei von Sanktionen waren. Lesbisches Leben war weniger direkt kriminalisiert, aber sozial hoch verletzlich.
Verfolgung, Schweigen, neue Aufbrüche
Der Vortrag spannte den Bogen weiter zur Eulenburg-Affäre, zur politischen Instrumentalisierung von Homosexualität, zur Verschärfung des §175 im Nationalsozialismus und zur Zerstörung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft 1933. Auch individuelle Zeugnisse aus der NS-Zeit kamen zur Sprache.
Für die Nachkriegszeit zeichnete Lippuner kein einfaches Ost-West-Schema. In der DDR habe es lange ein „großes Schweigen“ gegeben, zugleich aber Alltagsräume und spätere Aktivismusformen – etwa HIB, Sonntagsclub, Charlotte von Mahlsdorfs Gründerzeitmuseum. In Westberlin markierten Rosa von Praunheims Film, die HAW und die eigenständige lesbische Bewegung neue Formen politischer Sichtbarkeit. Hinzu kamen die Aids-Krise der 1980er Jahre, Ost-West-Unterschiede in Prävention und Umgang sowie der DEFA-Film „Coming Out“, der am 9. November 1989 Premiere hatte.
Erkner hört mit
Dass diese Lesung gerade in Erkner stattfand, blieb nicht äußerlich. In der Fragerunde wurden regionale Bezüge aufgenommen: Friedrichshagen, Erkner, Rüdersdorf. Zur Sprache kamen Aufführungen und Diskussionen zu Sexualaufklärungsfilmen, etwa „Anders als die Anderen“ im Union-Kino Friedrichshagen 1920, außerdem lokale Biografien zweier lesbischer Frauen in Rüdersdorf und ein Wandervogel-Bezug zu Walter Fischer in Erkner.
So wurde aus der Berliner Geschichte am Ende auch eine Geschichte des Umlands. Nicht als Provinzanhang, sondern als Hinweis darauf, dass queere Geschichte nicht nur in bekannten Szenevierteln stattfand. Sie steckt auch in Kinos, Vereinen, Nachlässen, Erinnerungen und lokalen Leerstellen.

Zurück zum Schild
Am Ende blieb der Eindruck eines Abends, der seine Stärke nicht aus großen Gesten bezog, sondern aus Genauigkeit. Lippuner erzählte queere Geschichte nicht als glatte Fortschrittserzählung. Er zeigte Brüche, Widersprüche, Pathologisierung, Verfolgung, Mut, Kommerzialisierung, Eitelkeit, Angst und Aufbruch. Auch die Gegenwart kam zur Sprache: Identitätspolitik, Sprachwandel, Pronomen, Generationenunterschiede – verbunden mit einem Plädoyer für Gelassenheit und Respekt.
Damit schloss sich die Klammer zum alten Eldorado-Schild. „Hier ist es richtig“ war nie nur ein Werbespruch. Es war eine Behauptung gegen eine Gesellschaft, die vielen Menschen lange sagte, sie seien falsch. In Erkner wurde an diesem Abend deutlich: Wer solche Geschichte liest, hört nicht nur von vergangenen Orten. Er versteht besser, warum Sichtbarkeit bis heute keine Nebensache ist.
