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Der Autor Jens Bisky und Klaus Lederer im Gespräch Bild: Michael Fuchs

Die Entscheidung: Als die Demokratie aufgegeben wurde

Es ist kalt in der Eva-Mamlok-Bibliothek, draußen wie drinnen. Nicht nur wegen des Wetters. Einen Tag nach dem 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, sitzt das Publikum dicht gedrängt und hört zu, wie Jens Bisky und Klaus Lederer über die letzten Jahre der Weimarer Republik sprechen. Über eine Zeit, in der, wie Bisky es formuliert, viele glaubten: „So wie es ist, kann es nicht weitergehen.“

Der Autor Jens Bisky und Klaus Lederer im Gespräch Bild: Michael Fuchs
Der Autor Jens Bisky und Klaus Lederer im Gespräch Bild: Michael Fuchs

These: Die Demokratie wurde nicht gestürzt – sie wurde preisgegeben

Der Kern des Abends lässt sich auf eine unbequeme These zuspitzen: Der Weg ins NS-Regime war weniger ein gewaltsamer Umsturz als das Ergebnis eines passiven Preisgebens. Nicht ein einzelner Akt, nicht der 30. Januar 1933 allein, sondern eine Kette scheinbar vernünftiger, kleiner Entscheidungen – getragen von bürgerlichen Parteien, Eliten und Funktionären, die Ordnung, Karriere und institutionelle Selbstbehauptung über die Verteidigung der Republik stellten.

Bisky insistiert darauf, diesen Prozess nicht rückblickend-moralisierend zu erzählen. Sein Buch „Die Entscheidung“ rekonstruiert die Jahre von 1929 bis zum Tod Paul von Hindenburgs strikt aus der Perspektive der Zeitgenossen. Die Pointe ist hart: Es war nicht zwangsläufig – aber am Ende „ziemlich folgerichtig“.

Zwei Protagonisten, ein präziser Austausch

Was diesen Abend trägt, ist die Qualität des Gesprächs. Jens Bisky, Historiker und Journalist, argumentiert ruhig, präzise, ohne Pathos. Klaus Lederer, ehemaliger Berliner Kultursenator, übersetzt, hakt nach, schärft die politischen Implikationen. Der Austausch ist konzentriert, kenntnisreich, ganz hervorragend – kein Podium, das Thesen abspult, sondern ein gemeinsames Denken.

Lederer führt früh zum Titel des Buches. Die Entscheidung – das klinge nach einem Punkt, dabei brauche es 600 Seiten, um die Vielzahl der Entscheidungen zu erzählen. Bisky widerspricht nicht, sondern präzisiert: Gemeint sei kein einzelner Akt, sondern ein Entscheidungszustand. Eine Erwartung, die die Gesellschaft durchzieht. Oswald Spengler sprach von den „Jahren der Entscheidung“, die NS-Propaganda von „Jetzt oder nie“.

Bisky sagt dazu klar: „Und diese vielen kleinen Entscheidungen werden halt alle gefällt in einer Situation, in der die Leute denken, es kommt jetzt gleich eine große Entscheidung.“

Stresemanns Tod: Ein Signal, kein Zufall

Der historische Auftakt ist der 3. Oktober 1929: der Tod Gustav Stresemanns. Nicht, weil an ihm allein das Schicksal der Republik hing, sondern weil Zeitgenossen es so empfanden. „Mit Stresemann ist der letzte gegangen, der noch in der Lage war, wesentliche Teile des deutschen Bürgertums im Lager der Republik zu halten“, zitiert Bisky aus dem damaligen Tagebuch. Es sei „mehr als ein Verlust, ein Unglück“, schrieb die Vossische Zeitung.

Hier verdichtet sich, was Bisky interessiert: Wahrnehmung, Deutung, Erwartung. Die Republik erscheint plötzlich als Provisorium ohne Garant.

Krisen werden politisch gemacht

Immer wieder kehrt Bisky zu einem zentralen Punkt zurück: Krisen sind nicht einfach da – sie werden gedeutet. Ökonomische Not wird erst durch Interpretation zur politischen Radikalisierung. Er fragt: Warum machten Bauernproteste in Schleswig-Holstein Juden verantwortlich? Warum wurde soziale Not sofort mit Angriffen auf Pressefreiheit und Republik verknüpft?

Sein Satz sitzt: „Ganz entscheidend ist, wer wie die Krise deutet.“ Und er zieht eine Klammer zur Gegenwart: Wer von „Migrationskrise“ spricht, schließt Antworten bereits aus.

Das bürgerliche Versagen

Besonders scharf ist Biskys Analyse der bürgerlichen Parteien. Koalitionen mit der NSDAP waren nicht notwendig, aber sie wurden eingegangen. Notverordnungen wurden geduldet. Gewalt wurde relativiert. Man hoffte, die Radikalen einhegen zu können.

Bisky formuliert nüchtern, aber unmissverständlich: „Man kann sich halt 1930 entscheiden im Januar, ob man mit einer NSDAP … eine Koalition bildet oder nicht. Das muss man nicht machen.“

Die Entscheidung fiel nicht für den Nationalsozialismus, sondern gegen die aktive Verteidigung der Demokratie – ein Muster, das beunruhigend aktuell wirkt: Auch heute scheitern bürgerliche Parteien weniger an ihren Gegnern als an sich selbst, weil sie Demokratie nicht offensiv verteidigen, sondern ein bequemes „Weiter so“ für Apparate, Karrieren und Funktionärsschichten organisieren.

SPD, KPD – und die verpasste Allianz

Auch die Linke kommt nicht ungeschoren davon. Die SPD versuchte, „einen Schein von Normalität aufrechtzuerhalten“, während jüngere Sozialisten auf Aktionismus setzten. Die KPD wiederum lebte, wie Bisky sagt, „nicht mehr in der Wirklichkeit“, sondern in ideologischen Konstruktionen. Karl von Ossietzky habe im Karl-Liebknecht-Haus nur noch „belagerte Psychosen“ vorgefunden.

Sebastian Haffners berühmtes Bild von der KPD als „Schafe im Wolfspelz“ fällt – und trifft.

Ein Buch, das man jetzt lesen muss

Die Entscheidung ist unbedingt lesenswert, weil es keine billigen Analogien bedient. Bisky warnt vor der Floskel „fünf vor zwölf“. Geschichte gebe keine Handlungsanweisungen, sagt er, „die sagt gar nichts zu uns“. Entscheidend sei, wie wir über sie sprechen.

Gerade darin liegt die Aktualität des Buches. Nicht als Alarmismus, sondern als Zumutung. Es fragt: In welchem Entscheidungszustand leben wir heute? Und was geben wir preis, während wir auf die große Lösung warten?

Der Abend endet ohne einfache Antworten. Aber mit einem klaren Befund: Demokratien sterben selten an ihren Feinden allein. Sie sterben, wenn ihre Verteidiger müde werden.