Ein Prinz jenseits des Klischees, ein Festakt mit Haltung und ein Jubiläumsjahr voller Fragen. Der Auftakt zu h300 zeigt, warum Heinrich von Preußen heute neu gelesen werden muss – als Europäer, Kulturpolitiker und überraschend aktuelle Figur der Aufklärung.

Ein Festakt mit Haltung und Offenheit
Es gibt Jubiläumsveranstaltungen, die sich selbst genügen – und solche, die einen Raum öffnen. Der Auftakt zum Heinrich-Jahr 2026 im Schlosstheater Rheinsberg gehörte unzweifelhaft zur zweiten Kategorie. Wer am 18. Januar den Weg in das klassizistische Haus am Grienericksee fand, wurde nicht mit musealer Feierlichkeit empfangen, sondern mit einer Atmosphäre konzentrierter Neugier: wach, heiter, geistreich. Das Fest war, um es ohne Zögern zu sagen, rundum gelungen.
Dramaturgie statt Pflichtprogramm
Maßgeblichen Anteil daran hatte die Moderation von Knut Elstermann, der den Vormittag mit sicherem Gespür für Rhythmus und Ton führte. Elstermann vermied das Übliche – kein Ablesen, kein Durchreichen von Grußworten –, sondern entwickelte eine Dramaturgie, die dem historischen Gegenstand ebenso gerecht wurde wie dem heutigen Publikum. Die Beiträge steigerten sich organisch, ohne je in Überlänge oder Selbstgefälligkeit zu kippen.



Stimmen, Zugänge, Charaktere
Auffällig war dabei die Individualität der Rednerinnen und Redner. Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke, Schirmfrau des Jubiläumsjahres, entwarf Heinrich als Figur der Ambivalenz: einen Feldherrn ohne martialische Pose, einen Kulturförderer ohne höfische Eitelkeit. Christoph Martin Vogtherr, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, zeichnete Heinrich als Netzwerker des 18. Jahrhunderts – europäisch denkend, politisch erfahren, zugleich zutiefst ortsverbunden.
Bemerkenswert: Niemand referierte trocken Biografisches. Stattdessen suchten alle ihren eigenen Zugang – humorvoll, pointiert, bisweilen persönlich. Heinrich erschien nicht als Denkmal, sondern als Charakter.
Musik, Bilder, Bewegung
Die kulturelle Rahmung tat ihr Übriges. Musikalische Beiträge – klug ausgewählt, sensibel platziert – verliehen dem Vormittag Leichtigkeit, ohne ihn zu zerstreuen. Kurze Filme öffneten visuelle Fenster in Heinrichs Welt: Rheinsberg als Musenhof, als Rückzugsort, als Experimentierfeld eines aufgeklärten Fürsten. Geschichte wurde hier nicht erklärt, sondern erfahrbar gemacht.
Heinrich heute
In der historischen Einordnung wurde deutlich, warum Heinrich mehr ist als der „Bruder des Königs“. Als Diplomat war er europäisch vernetzt, als Feldherr strategisch erfolgreich und vergleichsweise verlustbewusst, als Hausherr von Rheinsberg schuf er einen Ort, der Kultur nicht zur Repräsentation, sondern zur Kommunikation nutzte. Der Begriff des „Musenhofs“ fiel nicht zufällig: Heinrichs Rheinsberg war ein Gegenentwurf zu preußischer Strenge – offen, tolerant, geistig beweglich.
Gerade darin liegt seine heutige Relevanz. In Zeiten neuer nationaler Engführungen wirkt Heinrichs europäische Aufklärung nicht historisch, sondern überraschend aktuell.
Eine Leerstelle
Und doch blieb eine Irritation. Im Vorfeld war – nicht zuletzt in Ankündigungen und Presseunterlagen – deutlich von Heinrichs Homosexualität, von „Queerness“ die Rede gewesen. In den Redebeiträgen selbst jedoch wurde dieses Thema nahezu vollständig ausgespart. Das Schweigen war spürbar.
Dabei geht es nicht um nachträgliche Etikettierung oder identitätspolitische Vereinnahmung, sondern um historische Redlichkeit. Heinrichs homosexuelle Identität, die im 19. und 20. Jahrhundert oft zum Makel, zur Pathologisierung oder zum Skandal wurde, besaß in seinem eigenen Leben eine bemerkenswerte Selbstverständlichkeit. Sie war eingebettet in höfische Konventionen des 18. Jahrhunderts, in Netzwerke von Nähe, Loyalität und Affekt, die weder öffentlich zelebriert noch grundsätzlich versteckt wurden. Sexualität war für ihn kein politisches Programm, sondern Teil einer gelebten Freiheit. Dass diese Dimension im Festakt kaum berührt wurde, bleibt eine verpasste Gelegenheit – nicht skandalös, aber bedauerlich.



Ein Buch als Schlüssel
Ein weiterer Höhepunkt war unzweifelhaft die Vorstellung des neuen Buches durch Detlef Fuchs, das sich bewusst in Beziehung zu jenem inzwischen legendären Ausstellungskatalog von 2003 setzt, der Heinrich von Preußen erstmals aus dem Schatten seines Bruders herausholte. Während der damalige Katalog Maßstäbe für die wissenschaftliche und kulturhistorische Neubewertung setzte, ergänzt der neue Band diese Perspektive sinnlich und anschaulich: als visuelle und narrative Vertiefung des Rheinsberger Gartenreichs, geprägt von historischen Ansichten und heutigen Fotografien. Gemeinsam markieren beide Publikationen so etwas wie ein doppeltes Fundament der Heinrich-Literatur – analytisch und atmosphärisch. Eine ausführliche Rezension wird folgen.
Den Schlusspunkt setzte Jelle Dierickx, künstlerischer Leiter der Musikkultur Rheinsberg, mit jener Mischung aus Leichtigkeit und Ernst, die den Vormittag insgesamt prägte. Statt großer Serienmetaphern verwies er auf die konkrete Arbeit am Bild Heinrichs: Dierickx war maßgeblich an der Entwicklung des jüngst entstandenen Films über Rheinsberg beteiligt, der den Prinzen als europäische Kulturfigur jenseits des Klischees zeigt. Der filmische Zugang versteht sich dabei weniger als Illustration, denn als eigenständige Deutung – ein weiterer Baustein im vielstimmigen Heinrich-Jahr (siehe Link unten).
Auftakt, nicht Abschluss
Dass am Eröffnungstag nur eine kleine Ausstellung zu sehen war, erwies sich nicht als Mangel, sondern als ehrlicher Hinweis: h300 versteht sich als Prozess. Das Jubiläumsjahr 2026 wird mit Ausstellungen, Konzerten, Gesprächen und Interventionen gefüllt werden – in Rheinsberg und darüber hinaus.
Der Auftakt hat gezeigt, welches Potenzial in diesem Ansatz liegt. Heinrich ist aus dem Schatten getreten. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.
Internet-Links
https://300jahreheinrich.de/ und https://youtu.be/wRjLhgviXJI?si=Kh02yKtT_41fjgHx
