Wilhelm Pieck (1876–1960) zählt zu den prägenden politischen Gestalten des 20. Jahrhunderts, deren Lebensweg untrennbar mit den Katastrophen und Neubeginnen der deutschen Geschichte verbunden ist. Sein 150. Geburtstag bietet Anlass, eine Lebensleistung zu würdigen, die von Konsequenz, persönlicher Standfestigkeit und einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein geprägt war.

An einem Spätsommertag der frühen 1950er Jahre steht Wilhelm Pieck im Park der Jugendhochschule Bogensee. Um ihn herum junge Menschen, viele kaum zwanzig Jahre alt, neugierig, aufmerksam, manchmal skeptisch. Pieck spricht ohne Manuskript, ruhig, beinahe väterlich. Er erzählt nicht von Ämtern oder Titeln, sondern von Verantwortung, von der Lehre aus Krieg und Faschismus, von der Pflicht, dass von deutschem Boden nie wieder Gewalt ausgehen dürfe. Für viele der Anwesenden ist dieser alte Mann mit dem weißen Haar keine ferne Staatsfigur, sondern jemand, der zuhört und ernst genommen wird.
Aus der Arbeiterklasse in die Politik
Geboren am 3. Januar 1876 in Guben als Sohn eines Kutschers, wuchs Wilhelm Pieck unter einfachen Verhältnissen auf. Nach dem frühen Schulabgang erlernte er das Tischlerhandwerk. Auf Wanderschaft kam er mit der organisierten Arbeiterbewegung in Kontakt und trat dem Deutschen Holzarbeiterverband sowie der Sozialdemokratie bei. Politik lernte Pieck nicht aus Büchern, sondern aus der Erfahrung sozialer Ungleichheit und existenzieller Unsicherheit.

Diese Herkunft prägte ihn dauerhaft. Auch später blieb er seiner sozialen Basis erkennbar verbunden. Der spätere Beiname „Arbeiterpräsident“ fußte auf dieser Biografie und war absolut glaubwürdig.
Antikriegshaltung und revolutionäre Entscheidung
Der Erste Weltkrieg stellte für Pieck eine entscheidende Zäsur dar. Während große Teile der SPD den Krieg unterstützten, stellte er sich früh dagegen. Er schloss sich der revolutionären Opposition um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an und wirkte im Spartakusbund mit.
Die Folgen waren Verfolgung, Haft und illegale Arbeit. Dennoch hielt Pieck an seiner Haltung fest. Nach der Novemberrevolution 1918 gehörte er zu den Mitbegründern der Kommunistischen Partei Deutschlands. Aus der Erfahrung des Massensterbens zog er den politischen Schluss: Frieden und soziale Gerechtigkeit mussten ins Zentrum jeder künftigen Ordnung rücken.
Parlamentarische Arbeit und gelebte Solidarität

In der Weimarer Republik wirkte Pieck als Abgeordneter im Preußischen Landtag und im Reichstag in einer Zeit tiefgreifender politischer Instabilität, sozialer Not und wachsender antidemokratischer Gewalt. Weitaus prägender als die parlamentarische Arbeit war jedoch seine Tätigkeit als Vorsitzender der Roten Hilfe Deutschlands. Diese Organisation unterstützte politische Gefangene, ihre Familien und Hinterbliebenen, organisierte juristische Hilfe und materielle Versorgung und wurde für viele Verfolgte zu einer der wenigen verlässlichen Stützen. In einer Republik, die immer häufiger mit Ausnahmezustand, Notverordnungen und Repression reagierte, verkörperte die Rote Hilfe praktische Solidarität und gelebte Verantwortung.
Für Pieck bedeutete Politik stets konkretes Handeln. Parlamentarische Arbeit war für ihn kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um Öffentlichkeit herzustellen, staatliche Willkür sichtbar zu machen und Schutz für diejenigen zu organisieren, die dem politischen Druck schutzlos ausgeliefert waren.
Exil und antifaschistischer Widerstand
Nach 1933 ging Pieck ins Exil, zunächst nach Paris, später nach Moskau. Dort setzte er den Kampf gegen Faschismus und Krieg fort, arbeitete in der Führung der KPD und in der Kommunistischen Internationale. Belegt ist sein Einsatz für zu Unrecht verfolgte deutsche Emigranten in der Sowjetunion – ein Handeln, das persönliche Integrität erkennen lässt.
1943 war Pieck Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland, das für ein Ende des Krieges und ein antifaschistisches Deutschland warb. Hier verbanden sich politischer Realismus und nationale Verantwortung.

Präsident eines neuen Staates
Nach 1945 kehrte Pieck nach Deutschland zurück. Sein Ziel war ein antifaschistisch-demokratischer Neubeginn. Die Vereinigung von SPD und KPD zur Sozialistischen Einheitspartei verstand er als Lehre aus dem Scheitern der Weimarer Republik.
1949 wurde er zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik gewählt. Obwohl sein Amt vor allem repräsentativ war, besaß es große symbolische Bedeutung. Pieck stand für den Anspruch eines Staates, der sich als Gegenentwurf zum Nationalsozialismus verstand.
Sein Leitmotiv „Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen“ war Ausdruck biografischer Erfahrung. Die DDR blieb während seiner Amtszeit außerhalb militärischer Konflikte – ein historisch relevantes Faktum.
Volksnähe und Vermächtnis
Auch als Staatsoberhaupt blieb Pieck zugänglich. Gespräche mit Arbeitern, Bauern und Jugendlichen prägten sein öffentliches Bild. Beinamen wie „Unser Wilhelm“ oder „Papa Pieck“ zeugen von dieser besonderen Form politischer Nähe.
Wilhelm Pieck starb 1960 im Alter von 84 Jahren. Sein Lebensweg vom Tischlergesellen zum Staatsoberhaupt steht für politische Verantwortung aus der Arbeiterklasse heraus. Antifaschismus, Friedenswille und persönliche Bescheidenheit bilden das Kernstück seines Vermächtnisses.
Der 150. Geburtstag Piecks ist damit mehr als ein Gedenktag: Er lädt dazu ein, über Haltung, Verantwortung und die Voraussetzungen eines gerechten und friedlichen Deutschlands neu nachzudenken.
