
Ein Tier, das es nicht gibt – und doch seit Jahrtausenden Bilder, Hoffnungen und Irrtümer prägt: Das Museum Barberini folgt dem Einhorn von mittelalterlichen Tapisserien bis zur Gegenwartskunst. Noch bis zum 01.02.2026 ist diese vielschichtige Spurensuche in Potsdam zu sehen.
An einem klaren Januarnachmittag liegt der Alte Markt in Potsdam in einem blassen, beinahe unwirklichen Licht. Drinnen im Museum Barberini ist es still. Gedämpfte Schritte, ein leises Murmeln – und dann steht man vor einem Wesen, das es nicht gibt: ein schwarzer Rappe mit Horn, leicht überlebensgroß, von eigentümlicher Präsenz. Olaf Nicolais Skulptur La Lotta liegt am Boden wie ein eben gefallener Körper. Von hier aus entfaltet die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ ihre präzise Bildgeschichte von der mittelalterlichen Tapisserie bis zur Gegenwart. Sie zeigt das Einhorn nicht als Fantasiewesen, sondern als Projektionsfläche wechselnder Weltbilder – und erklärt, warum es sich jeder eindeutigen Deutung entzieht.
Ein Tier aus Erzählungen
Rund 150 Werke aus etwa 4.000 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte sind in neun klar gegliederten Räumen versammelt. Der übersichtliche Parcours schärft den Blick und zeigt, wie tief das Einhorn in historischen Wissensordnungen verankert war. Persische Fliesen aus dem 13. Jahrhundert lassen es gegen Elefanten antreten, europäische Tapisserien führen es durch dichte Stoffwälder, Maerten de Vos zeigt es 1572 als kraftvolle Erscheinung. Ein bewusster Bruch folgt mit einem tibetischen, knienden Einhorn aus buddhistischem Kontext. Der Rundgang macht deutlich: Das Einhorn ist nie neutral, sondern spiegelt Wissen, Wünsche und Ängste seiner Zeit.
Reinheit und Distanz
Im Zentrum der Ausstellung stehen jene Bilder, die das europäische Einhorn in Europa geprägt haben. Altargemälde des 15. Jahrhunderts zeigen, wie das scheue Tier zur Jungfrau Maria geführt wird – eine Verdichtung von Reinheit, Inkarnation und Begehren. Das Barberini inszeniert diese Werke mit hellen Räumen, großen Abständen und sparsamen Texten. Auch Hans Baldung Griens Paradiesdarstellung ist zu sehen: Das Einhorn erscheint als Teil einer vielstimmigen Schöpfung, nicht als Ausnahme. Ergänzt werden diese Bilder durch die Tradition der „Dame mit dem Einhorn“, in der Textil, Körper und Tier zu stillen Allegorien verschmelzen. Die Schau vertraut auf Material, Farbe und Bildwirkung; Erläuterungen bleiben bewusst knapp.
Vom Wunderhorn zur Wissenschaft
Ein eigener Abschnitt verfolgt den Weg vom Fabeltier zur vermeintlichen Naturtatsache. In einer Vitrine liegt das spiralförmige Horn aus der Abtei Saint-Denis, jahrhundertelang als echtes Einhornhorn verehrt. Daneben Apothekengefäße, die pulverisiertes „Wunderhorn“ als Heilmittel versprachen.
Die Auflösung folgt wenige Schritte weiter: Der Narwal tritt auf den Plan. Sein Stoßzahn galt im Mittelalter als Beweis für die Existenz des Einhorns. Was eben noch Reliquie war, entpuppt sich als arktischer Zahn. Die Ausstellung macht diesen Irrtum nicht lächerlich, sondern nachvollziehbar. Sie zeigt, wie sehr Sehnsucht und Wissen ineinandergreifen können.
Gegenwart und Gegenbilder
In der Moderne kippt das Einhorn endgültig ins Populäre. Glitzer, Regenbogen, Massenware – die Ausstellung streift diesen Kosmos, ohne ihm zu verfallen, und zeigt stattdessen, wie zeitgenössische Kunst das Motiv bricht. Fotografien von Marie Cécile Thijs lassen das Einhorn zwischen Modebild und Ikone schweben, Videoinstallationen spielen mit seinem Verschwinden. Besonders eindrücklich ist Rebecca Horns Film von 1970: Eine Frau trägt ein Einhornkorsett, das Horn wird zur schmerzhaften Verlängerung des Körpers und zum Bild von Normierung und Anderssein. Vor diesem Hintergrund liest sich auch Nicolais schwarzer Rappe neu – als bewusster Kommentar auf den heutigen Einhorn-Hype, der im Ausstellungsraum gezielt konterkariert wird.
Ein Fazit mit feiner Schärfe
„Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ ist keine dekorative Themenausstellung, sondern eine konzentrierte Kulturgeschichte eines Bildmotivs. Sie zeigt, wie aus einem zoologischen Missverständnis ein religiöses Symbol und schließlich eine globale Popfigur wurde. Die Schau bleibt klug und sinnlich und entlässt die Besucher nicht mit dem Gefühl, das Einhorn verstanden zu haben, sondern ihm nähergekommen zu sein. Wer die Themen vertiefen möchte, findet im begleitenden Ausstellungskatalog eine überzeugende Ergänzung: Rund 400 Seiten mit etwa 270 farbigen Abbildungen und fundierten Essays zeichnen die kunsthistorischen Linien der Schau nach. Der Katalog kostet 49 Euro.
Ausstellungsinfos
Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst
Museum Barberini, Potsdam
Laufzeit: bis 1. Februar 2026
Adresse: Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam
Öffnungszeiten: Mittwoch–Montag 10–19 Uhr (dienstags geschlossen)
Tickets: online und an der Museumskasse erhältlich
