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Eichmann: Der Nazi, den keiner fangen wollte

Adolf Eichmann – Organisator der Shoah, gefasst vom Mossad, inszeniert vor Gericht. Die Ausstellung im Filmmuseum Potsdam zeigt seine Ergreifung als True Crime – und blendet dabei zentrale Fragen zur deutschen Nachkriegsgesellschaft aus. Ein Besuch, der bewegt und nachdenklich macht.

Einleitung

Der Titel eines Netflix-Filmdramas ist in Wahrheit ein erschütterndes Kapitel realer Geschichte: Mit der Sonderausstellung „HOW TO CATCH A NAZI. Operation Finale: Die Ergreifung und der Prozess von Adolf Eichmann“ bringt das Filmmuseum Potsdam seit dem 27. März 2025 eine der spektakulärsten Geheimdienstaktionen des 20. Jahrhunderts auf die Leinwand – pardon, ins Museum. Bis zum 1. Februar 2026 können Besucher in der ersten Etage nachvollziehen, wie Mossad-Agenten Eichmann 1960 in Argentinien aufspürten, entführten und vor Gericht brachten. Doch so faszinierend der Spionageplot inszeniert ist: Es geht hier nicht nur um Nervenkitzel, sondern um Verantwortung, Erinnerung und Aufarbeitung.

Hintergrund

Kuratiert vom ehemaligen Mossad-Agenten Avner Avraham – der Mann kennt also wirklich beide Seiten der Geschichte – wurde die Ausstellung ursprünglich in den USA konzipiert, gemeinsam mit dem Maltz Museum und dem ANU Museum des jüdischen Volkes. In Potsdam präsentieren sie das Filmmuseum gemeinsam mit der Adolf Rosenberger gGmbH, benannt nach dem deutsch-jüdischen Mitgründer von Porsche, der 1938 vor den Nazis fliehen musste.

Die Wander-Ausstellung endet in einem bedeutsamen Jahr im unheilvollen Potsdam: 2025 jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 80. Mal. Ein Anlass, nicht nur zurückzublicken, sondern sich zu fragen, wie es weitergeht mit der deutschen Erinnerungskultur – gerade jetzt, wo rechte Strömungen wieder lauter werden. Die Ausstellung wurde erstmals 2011 in Israel gezeigt und endet nach Stationen in Nordamerika und München nun in Potsdam, wo die „nationale Erhebung“ ihr Unheil 1933 mit der Eröffnung des Reichstags in der Garnisonkirche zelebrierte.

Die Ausstellung

Die Schau setzt auf eine fesselnde Erzählstruktur – True Crime statt trockener Chronologie. Über 70 Fotografien und 60 Originalobjekte, darunter präparierte Nummernschilder, gefälschte Ausweise und ein Agentenkoffer, rekonstruieren minutiös die Operation Finale. Das Herzstück ist die Replik der kugelsicheren Glaskabine, in der Eichmann während des Prozesses 1961 aussagte – ein Symbol der Gerechtigkeit, aber auch der Inszenierung.

Besonders bewegend sind die Aussagen der Shoah-Überlebenden, die im Prozess erstmals weltweit Gehör fanden. Die Videoeinspielung von Eva Erben bildet einen eindrucksvollen Abschluss. Ergänzt wird die Ausstellung durch die Foyerschau „PERSPEKTIVEN – HOW TO CATCH A NAZI“ sowie eine Medienstation mit Filmausschnitten und Biografie-Einblicken. Diese bietet zwar vielfältige Perspektiven, jedoch fehlt eine deutsche Audiofassung der deutschsprachigen Originalaussagen Eichmanns – ein bedauerlicher Bruch in der Zugänglichkeit.

Kritische Einordnung

So packend und gut inszeniert die Ausstellung ist – sie bleibt an manchen Stellen zu vorsichtig. Eichmann als typischer deutscher Beamter, der pflichtbewusst und ohne inneren Widerstand die Shoah organisierte, wird kaum thematisiert. Damit gerät auch das eigentliche Problem der „Mitläufer“ aus dem Blick – jener riesige Apparat an Befehlsempfängern, Bürokraten und Opportunisten, die das NS-Regime trugen. Auch ein klarer Bezug zur Wannsee-Konferenz fehlt – jener entscheidenden Sitzung, bei der Eichmann eine Schlüsselrolle bei der Organisation der „Endlösung“ spielte. Ohne diese Einordnung wirkt Eichmann zu isoliert – als Einzeltäter, nicht als Teil eines gut geölten Verwaltungsapparats des Todes.

Nicht zuletzt bleibt die Verantwortung der Bundesrepublik nach 1945 auffällig unterbelichtet: die Wiederverwendung belasteter Funktionäre in Verwaltung und Justiz, das kollektive Schweigen über die Vergangenheit, die aktive Behinderung der Fahndung nach Eichmann durch deutsche Behörden. Diese Punkte werden bestenfalls angedeutet, aber nicht systematisch aufgearbeitet. Dabei wären sie zentral, um zu verstehen, wie tief das NS-Erbe in die Nachkriegsgesellschaft hineinwirkte.

Weitere Ausstellungen zum Thema

Wer sich noch intensiver mit diesem Thema auseinandersetzen will, sollte die Sonder-Ausstellung in der „Topographie des Terrors“ in Berlin ansehen: „Reinhard Heydrich – Karriere und Gewalt“. Sie beleuchtet das Leben eines weiteren zentralen Akteurs des faschistischen Terrorsystems. Sie zeigt Heydrichs Aufstieg vom Marineoffizier zum Chef des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), seine Rolle bei der Organisation der Shoah und seine Gräueltaten als „Reichsprotektor“ in Böhmen und Mähren.

Die Präsentation setzt auf eine sachliche Darstellung mit bisher unbekannten Dokumenten und Filmen. Neben seiner Karriere wird auch Heydrichs persönliches Leben, die ideologische Prägung sowie sein Nachleben nach seinem gewaltsamen Tod durch tschechoslowakischen Widerstand beleuchtet. Die Ausstellung verknüpft Biografie und historischen Kontext, um das gesamte Ausmaß seiner Verbrechen darzustellen.

Deutsche Beamte machen Karriere

Ein weiterer wichtiger Ort der Erinnerung ist das Haus der Wannseekonferenz in Berlin. Die dortige Ausstellung bietet einen tiefen Einblick in die Bürokratie des NS-Regimes und zeigt die Mechanismen der Entscheidungsfindung, die zur „Endlösung“ führten. Die Wannsee-Konferenz, die am 20. Januar 1942 stattfand, war ein Meilenstein in der systematischen Planung der Shoah. Die Ausstellung ermöglicht es, die Protokolle der Konferenz zu studieren und die Rolle der verschiedenen Akteure zu verstehen, darunter auch die entscheidende Beteiligung Adolf Eichmanns.

Warum sollte man diese Ausstellung besuchen? Sie hilft, die Funktionsweise der bürokratischen Apparate zu verstehen, die den Massenmord an Millionen von Menschen ermöglichten. Durch die detaillierte Darstellung der Konferenz und der Entscheidungen, die dort getroffen wurden, wird deutlich, wie tief die Ideologie des Antisemitismus und die Logik der Vernichtung in den Verwaltungsstrukturen verankert waren. Dies bietet wichtige Erkenntnisse darüber, wie Bürokratie und gehorsames Befolgen von Befehlen zu unvorstellbaren Verbrechen führen können.

Die Ausstellungen zusammen zeigen eindrucksvoll: Der deutsche Faschismus endete nicht 1945. Er lebt fort – in Akten, Karrieren und Einstellungen. Gerade deshalb ist Erinnerungspolitik heute so wichtig. Die Bundesrepublik war kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein Staat, der mit alten Seilschaften aufgebaut wurde. Treue deutsche Beamte wie Eichmann schafften den Nachfolgestaat.

Gesellschaftlicher Bezug

Die Ausstellung im Filmmuseum Potsdam ist mehr als ein Rückblick – sie ist ein Weckruf. In den Eröffnungsreden, unter anderem von Ministerpräsident Dietmar Woidke und Israels Botschafter Ron Prosor, wurde deutlich: Antisemitismus, Verschwörungsideologien und rechte Hetze sind wieder salonfähig. Es liegt an uns, Geschichte nicht zu vergessen. Kurator Avraham spricht von neuen Archivfunden, die 2010 zugänglich wurden. Günther Jauch, Schirmherr der Ausstellung, betont die Kraft der Zeugenhaft und zieht den Bogen zu heutigen Formen von Zivilcourage.

Fazit

„HOW TO CATCH A NAZI“ ist eine Ausstellung mit Wucht. Sie nutzt das Genre des True Crime klug, um historische Komplexität emotional erfahrbar zu machen. Gerade für jüngere Besucher ist das ein Türöffner. Ihre größte Stärke ist die packende Inszenierung – ihre größte Schwäche das Zögern bei politischen Fragen. Doch wer sich auf das Thema einlässt – und vielleicht noch einen Abstecher nach Berlin zur ergänzenden Ausstellung macht – wird den Museumsbesuch nicht vergessen.

Praktische Informationen

  • Ort: Filmmuseum Potsdam, Breite Str. 1A, 14467 Potsdam (1. Etage)
  • Laufzeit: 27. März 2025 bis 1. Februar 2026
  • Öffnungszeiten: Di–So, 10–18 Uhr (montags geschlossen)
  • Eintrittspreise: Regulär 6 Euro, ermäßigt 4 Euro; Sonderpreise für Gruppen und Schulklassen
  • Begleitprogramm: Filme, Vorträge, Schülerführungen und Workshops; Kooperationen mit Filmernst und dem Brandenburg Museum
  • Website: www.filmmuseum-potsdam.de
  • Virtuelle Ausstellung: Unter gleichem Titel online verfügbar